Virginia Axline Preis 2016 - hockel net

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Virginia Axline Preis 2016

Aktuelles
 



Am 25.6.2016 wurde ich im Rahmen der 6. Fachtagung für personzentrierte Psychotherapie mit dem Virginia Axline - Preis für die Förderung der personzentrierten Kinderpsychotherapie ausgezeichnet.

Die Laudatio soll in einer Fachzeitschrift veröffentlicht werden.

Ich hatte die große Freude in dieser Verleihung mit den folgenden Ausführungen danken zu können:

„Psychologie als Beruf – Personzentrierung als Berufung?"

Dankeswort bei der Verleihung des Virginia Axline Preises:

„Psychologie als Beruf – Personzentrierung als Berufung?" Das könnte nach dem Vortrag, mit welchem ich auf die Ernennung zum Ehrenmitglied des Berufsverbandes der Kinder und Jugendlichenpsychotherapeutinnen  und – therapeuten (bkj)  am 15.3.2014 in Frankfurt antwortete, der Titel des heutigen Dankeswortes sein. Damals in Frankfurt sprach ich von „Kinderpsychotherapie als Berufung" – ein Text der noch heute, gerade in der gegenwärtig tobenden Schlacht um die fachwissenschaftliche Grundlage des psychotherapeutischen Berufes und um die Frage nach der Existenz zweier Berufe (Erwachsenenpsychotherapeut – Kinderpsychotherapeut) als angemessener Titel gelten kann (Nachlesbar unter: http://www.bkj-ev.de/documents/140315KinderpsychotherapiealsBerufung_Hockel.pdf)
Die Kinderpsychotherapeutin Virginia Axline ist zweifellos Exponentin personzentrierter Psychologie im Dienst von Kindern und Jugendlichen und sie ist als solche eine der Modellpersonen für meinen Dank.
In Wikipedia heißt es zum Anlass der heutigen Verleihung:
„Der Virginia-Axline-Preis würdigt das Lebenswerk der geehrten Person hinsichtlich Anwendung, wissenschaftlicher Fundierung und Verbreitung der Personzentrierten Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie…"
So sehe ich einen Preis an mich geheftet, der von Ausbildern für Lebenswerke vergeben wird. Nun ist mein Leben noch nicht abgeschlossen und meine Ausbildertätigkeit – wie meine ganze Berufstätigkeit – läuft weiter, was ich all jenen danke, die mir Kraft verleihen – meiner Frau, der Familie, den Ausbildungsteilnehmern, den kleinen und großen Klienten/Patienten  für Therapie und Coaching. Ich möchte in meinen Dank auf jene Leitsätze hinweisen, die mir bisher schon und weiterhin zentral bedeutsam sein werden.

Ich werde Ihnen fünf Leitsätze zumuten. Da ist zunächst

der Leitsatz der kontinuierlichen wissenschaftlichen Entwicklung – das Motto meiner Homepage lautet „Wissen schaffen heißt Fragen finden, Antworten geben heißt Glauben lehren". Im Bereich der Psychotherapie muss jeder beruflich handelnde authentisch handeln – diese Erkenntnis verdanken wir der Forschergruppe von C.R.Rogers – und das bedeutet, wir müssen entsprechend unserem Glauben handeln.
Rogers und seine Arbeitsgruppe fassten ihre Ergebnisse zusammen und schlossen mit der Botschaft: „Falls diese Arbeit andere zu weiteren Forschungstätigkeiten, die die Verifizierung bzw. die Falsifizierung dieser Hypothesen beinhalten, oder zur Formulierung einer besseren, rigoroseren und integrierteren Theorie anregen sollte, wird dies von unserem Team, das sich geschlossen für die vorangegangenen Theorien verantwortlich erklärt, begrüßt werden." (Schlusssatz von C.R.Rogers in: „Eine Theorie der Psychotherapie, der Persönlichkeit und der zwischenmenschlichen Beziehungen") Wir werden morgen besser wissen, was wir wissen müssen, als heute – wir werden neuen Glauben lernen um nicht „Besserwisser" zu werden.

Mein Rogerianischer, personzentrierter Glaube ist es, dass Selbstprüfung, Annehmen, Einfühlen, Echtsein und förderlich-forderndes Helferverhalten lehr- und lernbare Verhaltensdimensionen darstellen. Allein damit löse ich manchmal Verwirrung aus. Kann man „Echtsein" lehren und lernen? Ich glaube dass dies unverzichtbar, weil möglich ist. Gegenwärtig werden immer weiter störungsspezifische Interventionspläne, Handlungsleitlinien entworfen. Diese stellen stets aktualisierte Fragen in den Raum, da der jeweilige Gegenstand, die „Störung" eine diagnostische und historisch im Wandel befindliche Kategorie ist – während Rogers uns lehrte, dass wir Personen und nicht Störungskategorien behandeln. Die Frage nach dem, was eigentlich Inhalt der Störungen ist, erscheint mir als der zweite zentrale Leitsatz: die stetige forschende Weiterentwicklung dessen, was gesunde und was gestörte seelische Entwicklung überhaupt bedeutet. Das Recht auf Diagnose und die Weiterentwicklung der Diagnosen psychischer Störungen lassen wir uns nicht nehmen.
Dies ist eine Grundfrage einer Wissenschaft: der Psychologie, die ich als Fachgrundlage für jede Psychotherapie betrachte, da allgemeine Psychologie, Entwicklungspsychologie, Differentielle Psychologie, Diagnostische- und Persönlichkeitspsychologie,  Sozialpsychologie, Evolutionspsychologie, Pädagogische- und Politische Psychologie und andere Teildisziplinen hier rangvolle Fragenfinder und Grundlagen-formulierer sind. Diese Fächer sind es, die Grundlagen- und Anwendungswissen erarbeiten – Universitäten der Angewandten Wissenschaften – früher Fachhochschulen genannt – sind auf solche Grundlagenforschung angewiesen und sollten sich diesen gegenüber nicht vorschnell verabschieden wollen.  
So wie Medizin ihre Grundlagenwissenschaften achtet und deren Förderung fordert – Physiologie, Biochemie, Neurologie usw.  -  so muss Psychotherapie wissen aus welcher Fragwürdigkeit, aus welchen Fachfragen sie ihre Handlungslegitimationen, ihren Glauben an Wirksamkeit herleitet. Und das kann nicht durch Anwendungsforschung allein geleistet werden, auch wenn diese den Goldstandards der Pharmaforschung entsprechend gestaltet wäre.
Hierbei wird es uns vom eigenen Fachgebiet, der Psychologie nicht leicht gemacht, da auch heute noch viele Hochschullehrer der Psychologie auf dem Standpunkt stehen, dass Psychologie eben gerade weil sie Wissenschaft sei, kein Beruf sein könne. Für mich, der ich leidenschaftlich erkenntnisorientierter Psychologe bin und bleiben werde, ist dieser Anwendungsverrat von Forschern, die sich nur als „Lehrer" – sozusagen im „Berufsverband der Hochschullehrer" zusammengeschlossen, erleben, ein Problem der psychologischen Berufsvertretungen. So habe ich als Gründungspräsident der Europäische Föderation der Berufsverbände von Psychologen (EFPPA) bedauernd doch respektvoll zur Kenntnis genommen, dass dieser Verband sich inzwischen  umbenannte und das eine „P", das für „Professionell" stand aus seinem Titel gestrichen hat. Die Kongresse eben dieser EFPA (http://www.efpa.eu/ Kongress 2017: https://psychologycongress.eu/2017/ ) jedoch zeigen auch heute das Wachstum der Fragen und des Wissens der Psychologie – und insofern lassen wir Psychologen uns den Beruf des Psychologen auch nicht von unseren Lehren absprechen.
Wer Psychologie lernte, der wird seine Erkenntnisse stets gerne weiterreichen  - Berufsaufgabe des Psychologen ist es, sich überflüssig zu machen. Er wird dadurch jedoch nicht auf seinen Beruf verzichten.


Der dichteste, dritte Leitsatz kann in seiner Anwendung auf uns selbst als Berufstätige so formuliert werden: „Wir dürfen nie vergessen, dass jeder Klient das Recht hat uns zu beweisen, dass wir ihm nicht helfen können". Wir können das Fachwissen entwickeln um in statistisch gesicherter Form behaupten zu können, dass Zwangserkrankungen, Enuresis, Depressionen und der ganze ICD - „geheilt" werden können – wir können jedoch als personzentriert Verantwortung Tragende nicht behaupten, dass wir Menschen, die an solchen Störungen leiden, zu heilen vermöchten. Was der Arztberuf jahrhundertelang wusste und gelten ließ war die Formel: Die Natur heilt, der Arzt hilft. Unser junger Beruf muss dies für das Gebiet der menschlichen Freiheit, der seelischen Gesundheit, das Gebiet der Selbstgestaltungen und sozialen Anpassungsleistungen erst noch lernen. Und hierfür gibt es eine Erkenntnisspur, die eigentlich den Bezug aller heilkundlich orientierten Wissensentfaltung zur Mutter aller Wissenschaft unverzichtbar macht. Psychotherapie kann – wie derzeit an vielen Stellen ohne Bezug auf Psychologie propagiert wird – auch als angewandte Philosophie verstanden werden.
Für uns als Gläubige der schulischen Orientierung, die Personzentrierung als lehr- und lernbares Ergebnis eines wissenschaftliche-psychologischen Menschenbildes begreift – für uns gilt der Leitsatz: Psychotherapie ist immer ein Heilversuch, ob er gelingt liegt nicht (allein) in der Kompetenz des Behandlers sondern (auch) in der Selbstheilungskraft des Behandelten. Psychotherapie ist begleitete Selbstheilung – diese kann nur dann rangvoll und richtig sein, wenn sie den Behandelten nicht als Symptomträger sondern als Person ernstnimmt, achtet, fördert und fordert. Psychotherapie ist umso störungsspezifischer, je personzentrierter sie ist.  

Damit bin ich beim vorletzten Leitsatz: Personzentrierung verpflichtet uns in besonderer Weise auf die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. C.R.Rogers schrieb als sein erstes Buch ein Werk über den helfenden Umgang mit Problemkindern und war insofern direkter Lehrmeister und Wegbereiter für Virginia M. Axline. Die Erkenntnisse der ersten empirischen Psychotherapieforschungsunternehmung, der Auswertung von Aufzeichnungen von realen Gesprächsverläufen,  nicht durch Reflexion von Aufzeichnungen der Therapeuten, sondern Aufzeichnungen der Gespräche – liefen darauf hinaus, dass Wertschätzung, Einfühlung und eine authentische Beziehung (gewährleistet durch das Echtsein der Therapeutenperson) jene Beziehungsgrundlage schaffen, die Kindern und Jugendlichen optimale Entfaltung ermöglicht. Zwei Psychologen, Axline als Therapeutin, Gordon als Pädagoge formulierten lehr- und lernbare Umgangsweisen für die Gestaltung eines Familienklimas, einer Lebenswelt, einer Störungsbehandlungskonzeption, die als personzentriertes Vorgehen die Personen ernst nahm. Und zu diesem Ernst-nehmen gehört das Verständnis der grundlegenden Qualitäten der hilfsbedürftigen Personen. Kinder und Jugendliche können in ihrem Verhalten auffällig sein und sortiert werden nach ihren Verhaltensstörungen, sie können in ihren Motiven erforscht und verstanden werden mittels einer Tiefenpsychologie – geholfen werden kann ihnen nur durch Selbstverständigung – und diese gelingt bei Kindern nur im Rahmen eines achtungsvollen und kompetenten Umgangs mit ihrer Sprache: dem Spielen. Jugendliche lernen die Sprache der „Spiele der Erwachsenen" und müssen daher ebenfalls auf Helfer stoßen, die verständig den Tiefsinn menschlichen Spielens erkennen und anzuerkennen gelernt haben.
Die Personzentrierung, die die Altersangabe des Klienten/Patienten  ernst nimmt, bedeutet, dass Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie personzentriert und Spieltherapie sein muss.

Schon immer verlangte ich, dass Psychotherapeutenausbildung den bestmöglichen, höchsten Forschungs- und Ausbildungsstandards entspricht, denn unser Bild vom gesunden gesellschaftlichen Funktionieren, vom freien Menschsein wird darüber entscheiden, wie wir langfristig den Planeten friedfertig zu beleben lernen. Psychologie ist der wissenschaftliche Ausgang aus menschlicher Selbstverletzung, Unmündigkeit, ist angewandte Aufklärung. Wer gelernt hat die Entwicklung jedes einzelnen Menschen (die Ontogenese jeder Person) ernst zu nehmen (Entwicklungspsychologie ausreichend gelernt hat) – der kann auch die Entfaltung der Persönlichkeit förderlich begleiten. Wer gelernt hat mit Menschen im Zustand der Knospe förderlich umzugehen (ein kostbares Sprachbild meines verehrten Lehrers Stefan Schmidtchen), der kann auch mit verholzen Köpfen und alten Leidenden hilfreich umgehen: Personzentrierung erfordert Ausbildung in Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie – wer in dieser gut ausgebildet wurde, der kann auch mit einigen Ergänzungskursen oder zielgruppenspezifischen Weiterbildungen an Erwachsene als Helfer herangelassen werden. Mein Leitsatz für die wünschenswerte Neugestaltung der Psychotherapeutenausbildung ist daher: Ausbildung in all jenen Fachkompetenzen, die man als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut haben muss und Weiterbildung zum Erwachsenentherapeuten als Möglichkeit. Jede gelingende Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter ist gelungene Primärprävention für das Erwachsenenleben des Klienten/Patienten. In diesem Sinne sollte Psychotherapie sich als Primärpräventives Feld organisieren, das stolz den gesellschaftlichen Anspruch realisiert, dass sie mehr Krankheiten verhindert als sie behandelt. Im Feld der Heilpädagogik hätte personzentrierte Spieltherapie so ihre zentrale Funktion.

Ich bedanke mich herzlich für die Achtung, die mir und meiner Auffassung, die ich hier nun in diesen Leitsätzen nochmals zusammenfassend dokumentierte, erwiesen wurde und wünsche der spannenden Tagung, in welcher wir hier beisammen sind, weiter einen guten Verlauf.

Curd Michael Hockel, vorgetragen am 25.6.2016 in Schwäbisch Gmünd


 
 
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